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Wasser oder Gold

Ein persönlicher Erfahrungsbericht über das Wasserproblem in Cajamarca von Anna-Maria Nunenmann, Mai 2013

Die landschaftlichen Gegebenheiten führen dazu, dass die ‚cajamarquinos‘ Wasser eigentlich im Überfluss haben. Viele Flüsse entspringen im Andenhochland, bilden Lagunen, stürzen in Wasserfällen in die Tiefe der fruchtbaren Täler und versorgen so auf natürliche Art die gesamte Bevölkerung Cajamarcas. Hauptsächlich wird das Wasser für die Landwirtschaft und Viehzucht eingesetzt, aber auch die wachsenden Städte und die Industrien verbrauchen immer mehr Wasser.

Leider werden die Ressourcen schlecht genutzt (zu beachten: es gibt nur Regen- und Trockenzeit, etwa von Dezember bis Mai regnet es fast täglich und im Rest des Jahres regnet es eigentlich nie) und es gibt gravierende Verteilungsprobleme, besonders in der schnell wachsenden Provinzhauptstadt Cajamarca, wo in den Randvierteln täglich ein Tankwagen mit Trinkwasser kommen muss, um die Menschen (die ganz normale Wasser- und Abwasserleitungen in ihren Häusern haben, aus denen dann aber keine Wasser kommt!!!) mit sauberem Wasser zu versorgen. Diese Umstände führen zu enormer Wasserknappheit, die in den letzten Jahren immer schlimmer geworden ist.

Wie bereits ersichtlich wird, ist das Konfliktpotential groß. Sowohl die ‚cajamarquinos‘ als auch die ausländischen Bergbauunternehmen sind an den Ressouren Wasser und Land interessiert und dies führt unausweichlich zu einem Interessenkonflikt, der sich in den vergangenen Jahren stark zugespitzt hat. Damit das Ausmaß etwas deutlicher wird: im Jahre 2011 sind 48, 0 % der Region Cajamarca konzessioniert (d.h. die Rechte auf die im Boden liegenden Rohstoffe wurden bereits an die Firmen verkauft).

Der Abbau funktioniert folgendermaßen: Die obersten Gesteinsschichten werden durch Sprengungen abgetragen, das Gestein wird zermahlen, angehäuft und mit Zyanid beträufelt, um die Goldspuren zu lösen. Danach werden riesige Auffangbecken benötigt, die die giftige Zyanidsäure speichern sollen. Für die Gewinnung von einer Unze Gold (28,4 g) müssen 79 t Gestein dieser Prozedur unterzogen werden. Yanacocha versetzt auf diese Weise ganze Berge und durch den Einsatz von schädlichen Chemikalien werden die Böden, die Flüsse, das Grundwasser und die Seen in der ganzen Umgebung verschmutzt.

Die Regierung sieht dabei tatenlos zu und arbeitet häufig mit den Bergbauunternehmen zusammen, baut in Kooperation Straßen und Wasserleitungen und behauptet dann, dass die Bergbauindustrie Entwicklung für Cajamarca schafft. In der Mine selbst arbeiten natürlich vorwiegend ausländische Ingenieure und für die Arbeiten, bei denen man einer starken Vergiftungsgefahr ausgesetzt ist, werden ‚cajamarquinos‘ rekrutiert. Von den Gewinnen bleibt auch nur ein ganz kleiner Teil in der Region und den weiß die Regionalregierung leider nicht richtig einzusetzen. Viel Geld geht durch Korruption und fehlende gesetzliche Regelungen verloren bzw. wird ohne Steuerabzug direkt ins Ausland geschafft.

Seit 2011 wächst der Widerstand der Bevölkerung gegen diese Skrupellosigkeit der Bergbauunternehmen. Dies ist v.a. den geplanten Erweiterungen der Fördergebiete geschuldet. Unter dem Namen „proyecto CONGA“ hat Yanacocha versucht, den Menschen ein 4,8 Mrd. US $ schweres Investitionsprojekt schmackhaft zu machen. Die betroffene Region liegt in Höhenlagen um 4000m und es wird argumentiert, dass dort ja sowieso nur ein paar vereinzelte Familien leben. Ganz falsch ist die Behauptung nicht, aber auch die wenigen Familien müssten ihre Häuser und ihren Lebensraum verlassen. Ganz zu schweigen von dem Weideland, das durch die Förderung verloren gehen würde und das für die ‚campesinos‘ elementar ist. Außerdem liegen die Fördergebiete ausgerechnet in einem der wichtigsten Quellgebiete für die Flüsse der gesamten Region, welche die Wasserversorgung für 40 000 Menschen sicherstellen. Im Zuge der Ausbeutung sollen vier natürliche Lagunen und mit ihnen ganze Ökosysteme zerstört werden. Zwei müssen weichen, weil Gold darunter liegt, zwei weitere sollen als Abfallbecken dienen.

In den letzten Jahren gab es immer wieder mehr oder weniger erfolgreiche Proteste der ‚cajamarquinos‘ gegen einzelne Projekte, aber seit dem Jahr 2011 hat das Ganze eine andere Form angenommen. Aus den unterschiedlichsten Gründen schließen sich Stadt- und Landbevölkerung zusammen, gründen Vereine, bilden Gruppen und soziale Bewegungen, um gegen die ungerechte Behandlung zu kämpfen. Manche verfolgen politische Ziele, andere kämpfen aus Überzeugung und aus ihrem andinen Glauben heraus für die Erhaltung der ‚heiligen Natur‘, wieder andere engagieren sich stark für den Umweltschutz und einige wenige haben den globalen Kontext der Problematik erkannt und setzen sich für eine Veränderung des gesamten Systems ein. Aber alle, Frauen und Männer, Erwachsene und Jugendliche, Städter und Bauern, Akademiker und Arbeiter, sind durch den Widerstand gegen Conga näher zusammen gewachsen und haben gemeinsam schon viel erreicht.

Einfach war der Weg bisher allerdings nicht und wird er auch in Zukunft nicht sein. Nachdem offiziell die Proteste angekündigt wurden, hat der Präsident Ollanta Humala den „Notstand“ verhängt, eine Maßnahme, die willkürliche

Festnahmen ohne richterlichen Beschluss erlaubt, die Versammlungsfreiheit aufhebt und für die ‚cajamarquinos‘ eine furchtbare Zeit war, da sie Tag und Nacht von Militärs, die aus dem ganzen Land angereist waren, bewacht wurden. Obwohl die Demonstranten immer friedlich waren, kamen bei Auseinandersetzungen mit der Polizei 5 Menschen ums Leben.

Von verschiedenen NGOs, Vereinen und sonstigen Gruppen wurde im Februar 2012 ein Wassermarsch von Cajamarca nach Lima organisiert. Damit kam das Thema und die Anliegen der Bevölkerung auch bis nach Lima und im ganzen Land wuchs die Solidarität mit den kämpfenden ‚cajamarquinos‘ und das Bewusstsein für die Problematik, die sich übrigens nicht nur in Cajamarca zeigt.